Katja

Nach Judiths tragischem Tod dauerte es nicht lange, bis wir dieses leere Hundekissen nicht mehr ertrugen. Und als wir am 18.3. im Tierheims Ludwigsburg vorbeischauten, um den Leuten von Judiths Tod zu erzählen, kam es, wie es kommen mußte. Wir liefen „halt mal durch“ die Zwingeranlage und stiessen auf Katja. Und zwar unabhängig voneinander – wir waren einzeln durchgelaufen, und als wir hinterher verglichen, war Katja bei uns beiden oben auf der Liste.

Katja 2007

Katja 2007

Die Tierheimmitarbeiter allerdings reagierten überaus skeptisch – und beim ersten Spaziergang mit Katja (in Begleitung ihrer „Stamm-Gassigeherin“) verstanden wir auch, warum. Katja war nicht ängstlich, sie war zutiefst traumatisiert. Aber sie verstand sich gut mit Emma, und wir hatten uns schon verliebt. Also nahmen wir sie, allen Unkenrufen zum Trotz, bei uns auf.

In den ersten Wochen wurden wir auf eine harte Probe gestellt. Katja litt an einem massiven Deprivationssyndrom. Zusätzlich war sie offensichtlich durch Misshandlung tief traumatisiert. Sah sie Lichtreflexe an der Zimmerwand, oder bewegten sich dort Schatten, hatte sie innerhalb von Sekunden eine Panikattacke – sie rannte mit Höchstgeschwindigkeit in die hinterste, dunkelste Ecke der Wohnung und lag dann dort. Zitternd, hechelnd, mit rasendem Puls, nicht ansprechbar, nicht in der Lage auf irgend einen Reiz (wie z.B. Fleischwurst) zu reagieren.

Zusätzlich hatte sie Angst vor Menschen, reagierte panisch auf jeden Griff an ihr Halsband (was das Anleinen zu einer echten Aufgabe machte) und hatte extreme Angst vor ihrem Futter- und ihrem Wassernapf. Draußen kannte sie so gut wie nichts, und so wurden ihre Panikattacken von Autos, Motorrollern, Skatern usw. ausgelöst. Ja, selbst ein großer, sich im Wind wiegender Grashalm versetzte sie so in Angst, daß sie nicht mehr ansprechbar war.

Katja beim Spiel

Katja beim Spiel

Wir vermuten aus ihrem Verhalten, daß sie in extrem reizarmer Umgebung gehalten wurde. Und das sie, wenn denn mal jemand kam, von diesem Menschen misshandelt wurde. Anders ist dieses Ausmaß an Ängsten kaum zu erklären. Dieser Mensch scheint auch noch zusätzlich irgendwelche „Dominanzspielchen“ mit ihr getrieben zu haben – wie sonst könnte eine panische Angst vor dem Freßnapf entstehen? Sie kam trächtig ins Tierheim. Von den Welpen, die sie zur Welt brachte, starben alle bis auf eines an inneren Mißbildungen – entweder wurde sie zu jung gedeckt oder es handelte sich um Inzest. In der Summe der Details wäre es möglich, daß sie von einem Hundevermehrer missbraucht wurde oder missbraucht werden sollte, um Welpen zu produzieren. Schön, das ihr die Flucht gelungen ist.

Katja im Mai 2018

Wir hatten durch Judith ja schon etwas Erfahrung mit Angst bei Hunden … aber Katja war ein wirklich schwieriger Fall. Es dauerte fast zwei Jahre, bis sie zu einem völlig normalen Hund geworden war. Auf dem Weg dorthin entdeckten wir immer mal wieder neue Dinge, die ihr Angst machten. Aber wir entdeckten auch immer mehr, daß unter den Schichten von Angst ein sehr liebesbedürftiger, anhänglicher und überaus kluger Hund steckte, für den sich jedes bisschen Mühe gelohnt hat.

Wir mußten Katja am 5. Mai 2018 gehen lassen, aber vergessen werden wir sie nie. Sie hat uns unendlich viel gelehrt über den Umgang mit sensiblen Hunden, und sie hat uns reich belohnt für alles, was wir mit ihr gemacht haben.

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